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Wer seinen Frieden wieder finden will, darf vor dem psychischen Schmerz
nicht davonlaufen.
Verluste bringen Schmerzen, die sich jemand bevor es soweit ist, gar nicht
vorstellen kann.
Manchmal ist frau beim Verlust des Partners wie
betäubt und wundert sich, wie wenig sie empfindet.
Männer stürzen sich in die Abwicklung der notwendigen Amtsgänge. Dabei wäre
es gut, sich vom Leichnam des geliebten Verstorbenen auch in körperlicher
Umarmung zu verabschieden, damit frau/man sich an
dieses Gefühl erinnern kann. Wenn die Beerdigung vorbei und Ruhe
eingetreten ist, dann kann der Schmerz einen jeden Menschen so überfallen,
dass sie oder er zusammenbrechen. Es ist immer gut, dann eine Freundin oder
einen Freund gleichen Alters zu haben, um sich anvertrauen zu können.
Manchmal braucht es ja in diesem Moment nicht mal der Worte, sondern nur
eine Schulter zum Anlehnen oder Ausweinen.
Das beendet den Schmerz aber noch nicht, lässt ihn nur erträglicher werden.
Wenn sich Menschen dann an den Alkohol halten oder in neue Liebschaften
stürzen, dann kann der Schmerz nicht ausheilen. Trauern braucht seine Zeit.
Nicht umsonst haben unsere Vorfahren ein Trauerjahr angesetzt. Ein halbes
Jahr braucht wohl jeder, in dem sich der Abschied gestalten lässt. Das
geschieht in einem beim Gang zum Grab und bei der Grabpflege, zum anderen
im Haus, wenn nach und nach die Gegenstände, die der oder die Verstorbene
im täglichen Gebrauch hatte, an einen Erinnerungsort
fortgeräumt werden. Dann wird langsam ein geändertes Leben Einzug
halten, im Wechsel und in der Umstellung des Alltags auf das Alleinsein.
Kleine Gewohnheiten von früher werden fast unmerklich wieder aufgenommen,
obwohl man anfangs darauf achtet, alles so zu machen, als sei die Partnerin
oder der Partner noch dabei.
Dass da immer wieder mal geweint wird, das tut gut, denn es lässt den
gestauten Schmerz ab und erleichtert das schwere Herz. Wer das nicht kann,
erlebt meist, dass sich der Schmerz als Depression manifestiert, aus der
niemand ohne fremde Hilfe herausfindet. Also sind weinen und danach lachen
die Mittel der Wahl, der Gang zum Psychologen bei Depressionen aber
angeraten. Ebenfalls, wenn der Todesfall sehr plötzlich, durch Herzinfarkt,
Unfall oder ein Gewaltverbrechen eingetreten ist. Da kann man ohne Hilfe
einfach unmöglich zurecht kommen ohne hart zu
werden, man braucht andere Menschen.
Nach dem Weinen und den Spaziergängen zum Grab sind auch weite Spaziergänge
von Nutzen. Wenn Menschen sich bewegen, kommen sie leichter ins
Gleichgewicht. Außerdem sind die Reize, die sich den Augen, den Ohren und
der Nase anbieten dazu geschaffen, andere Gedanken in uns auszulösen, neue
Bedürfnisse zu wecken.
Dann beginnt man den Tag umzugestalten, eigene Vorlieben wieder zu beleben
oder neue zu entdecken. So, wie es vor der Partnerschaft mit dem
Verstorbenen war, wird es aber nie mehr sein. Jedes Ding hat seine Zeit,
auch die Vorlieben. Und wenn ein halbes Jahr gelebt ist, beginnt sich der
Zurückgebliebene vielleicht schon wieder nach Gesellschaft zu sehnen.
Früher war das erst nach dem Trauerjahr wieder gestattet. Aber viele
Menschen haben gleich nach dem ersten Jahr des Alleinseins wieder
geheiratet, weil sie nach dem ersten halben Jahr jemand gefunden haben, mit
dem sie wieder lachen konnten. Das Lachen ist ein Grundbedürfnis und niemand
sollte es verlernen!
Medizinisch gesehen ist das Lachen ein Jungbrunnen, der den Kreislauf
beleben, das Immunsystem stärken und das Selbstvertrauen wieder herstellen
kann. Nicht umsonst hat in unseren Tagen das Lachen in Kursen nach der
Lachtherapie des Inders Dr. Madan Kataria solchen Zulauf. Erhalten Sie sich den Drang zum
Lachen, dann leben gesund!
Wenn jemand nach dem ersten halben Jahr noch in der gleichen tiefen Trauer
steckt wie am ersten Tag, dann hat diese Trauer meist schon einen
krankmachenden Charakter. "Und tröstet euch auch wieder, denn von
Trauern kommt der Tod ...", heißt es an einer Stelle in der Bibel.
Niemand darf Trauer verachten, es trauert jeder Mensch auf seine
Weise und unterschiedlich lang. Aber jeder Schmerz schwächt sich langsam ab
und findet ein Ende irgendwann. Das Leben geht weiter, wenn auch zuerst nur
irgendwie. Bei alldem leidet eben der eine länger und ein anderer kürzer.
Trotzdem kann ein Jahr als Richtschnur gelten. Die Zeiten, in der Frauen
nach dem Tod ihres Mannes gezwungen waren, den Rest ihres Lebens in
schwarzer Trauerkleidung zu gehen und nie mehr Feste und Gesellschaften zu
besuchen, die sind zum Glück ja vorbei. Heute bestimmt das jeder Mensch für
sich selbst. Trauer kann nicht an der Kleidung festgemacht werden.
Irgendwann wird die Aufmerksamkeit der Trauernden auf Kleinigkeiten des
Alltags gelenkt, die wieder als schön empfunden werden: der Gesang der
Lerche in der Frühe oder das Scheppern des Milchautos; ein Spinnennetz im
Garten, an dem noch die Tautropfen hängen oder ein frecher Spatz, der in
einer Minipfütze badet; ein Schmetterling, der sich genau vor unserer Nase
auf eine Blume setzt oder ein weinendes Kind, dem man die Tränen trocknet
und das man tröstet. Plötzlich findet man sich auch getröstet, das geschieht
oft mit einem Schlag: Gestern noch Trauer und Regen, heute auf einmal
Sonnenschein.
Dagegen ist nichts einzuwenden. So ist es in der Natur und Menschen sind
auch so ein Stück Natur. Da heißt es: Nach Regen scheint Sonne. Nach
dem Nachlassen des Schmerzes kann man wieder aufatmen. Aber der
Mensch ist tiefer danach. Schmerz ist Wachstum in die Tiefe der Seele.
Jedes Ende birgt auch einen neuen Anfang.
Traueransprache
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