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 Belloino Wau  (von Gerel Calow)

 

Knut Germann hatte niemals eine Frau geliebt außer seiner Mutter.

Oder muss man die Verliebtheit des Zwölfjährigen in ein siebenjähriges Mädchen, das einen Sommer lang auf dem Nachbarhof zu Gast war, mitrechnen? Na, wennschon, das ist alles langlange her.

 

Heute liebt er nicht einmal mehr sich selbst richtig. Wenn er in den  Spiegel schaut, findet er nichts an sich liebenswert: etwa die lange Nase, die sich so schnell rötet bei jedem Anlass und Wetter, oder das immer lichter und grauer werdende dunkle Kraushaar, oder die schmalen, vom Misstrauen gezeichneten Lippen? Auch im großen Spiegel mag er sich nicht betrachten. Die Beine scheinen ihm zu kurz, der Kopf zu groß zu sein. Das findet er völlig unproportioniert. Da schaut er lieber weg.

 

Blicke von anderen verunsichern ihn stets, damit hat er in seinen vierzig Lebensjahren keine guten Erfahrungen gemacht. Immer, wenn ihn jemand aufs Korn genommen hatte, war es schlimm geworden. Also blickt er lieber fort und schleicht sich schnell weg, bevor es zu spät ist. Damit soll nicht gesagt sein, dass er seine Arbeit nicht macht. Ganz im Gegenteil, er ist ein guter Prokurist, ein Gewinn für den Chef, seine unentbehrliche rechte Hand, dazu ein Pfennigfuchser, zuverlässig, genau und fast ein wenig zu penibel. Das meinen wenigstens seine Kollegen, aber er kann nur dienstlich mit ihnen verkehren. Privat mag er sie nicht sehen. So ist er nun einmal.

 

Gelegentlich, wenn ihm zu Hause in seinem blitzsauberen Appartement die Decke auf den Kopf zu fallen droht, fährt er mit dem Auto ein Stückchen hinaus. Dann rennt er durch die Felder oder durch Wald und Wiesen. Aber all das, was er dort am liebsten tun würde, verbietet er sich: wie ein Bub den Abhang hinunterrollen, mit einem Stock an Zäunen entlang ratschen, Steine werfen oder mit einer leeren Büchse Fußball spielen. Schließlich ist er ein erwachsener Mann.

 

Es kommt immer häufiger vor, dass er in die Kneipe an der Ecke ein Bier trinken geht. Zwar macht er sich nichts daraus und steht lange vor einem Glas, aber bisweilen trifft er dort einen ehemaligen Schulkameraden, Bernd Olgers. Der ist inzwischen geschieden und sehr freigebig.

 

"Schließlich habe ich nichts mehr zu verlieren. Frau und Sohn waren mir alles."

Solche Sätze sagt der. Aber meistens redet er über anderes, zum Beispiel über Urlaub. Von vielen schönen Reisen kann er berichten. Mitunter jedoch sitzt er auch nur stumm da. Dann kann es vorkommen, dass er plötzlich laut und aufdringlich lacht und Knut völlig grundlos auf die Schultern schlägt. Das ist Knut peinlich, danach geht er meist heim. Was sollen denn die Leute denken, wenn er mit so einem an der Theke steht?

 

Und die Leute in der Straße finden Herrn Germann, den ruhigen Mieter aus der Nummer Sieben, bis heute eigentlich ganz nett. Er kennt alle in der Straße, grüßt immer manierlich, feiert nie lärmende Feste und parkt sein Auto ordentlich. Älteren Frauen trägt er hin und wieder die Taschen nach oben, lässt immer höflich den Vortritt und lächelt charmant. Niemanden stört er und zuzeiten tut einem sein freundlicher Gruß auch wohl. Sie sehen ja, dass er immer alleine ist und viel am Fenster steht. Wie sollte er da nicht alle kennen? Er wohnt schon vierzehn Jahre da.

 

Und dann geschah es am zwölften November, der kalt und windig war, aber trocken. Knut hatte die Baskenmütze über den frierenden Kopf gezogen und feste Schuhe an. So lief er gedankenlos waldwärts bergauf, nur Bewegung suchend. Plötzlich folgte ihm ein nicht sehr großer, schwarzer Schäferhund. Als Kind hatte er Hunde gemocht und wusste, dass er jetzt keinesfalls rennen durfte. Also bremste er sein Tempo, der Hund aber folgte ihm langsamer. Dann blieb der Mann stehen, der Hund auch. Knut schaute sich um, keine Menschenseele weit und breit. Was mochte der Hund vorhaben?

 

Als der einsame Mann ruhigen Schrittes die Bergkuppe erreicht hatte, bot sich ihm ein schöner Blick über das Tal seiner Heimatstadt. An drei Seiten breiteten sich Wald und Felder, aber gen Süden dehnte die Stadt sich bis zum Horizont. Knut legte eine kleine Rast ein und setzte sich auf die Bank. Es wurde schon dämmerig. Er sah sich nach dem Hund um. Tatsächlich, er war ihm gefolgt und hatte sich unweit ebenfalls hingesetzt. Aufmerksam schaute er herüber. Knut begann mit ihm zu reden.

 

"Na, zum Teufel, warum folgst du mir? Hast du nichts anderes zu tun? Wo hast du denn dein Herrchen oder Frauchen gelassen? Bist doch nicht etwa herrenlos? Nein, so siehst du nicht aus."

Seit er mit ihm redete, war der Hund schwanzwedelnd immer näher gerückt. Knut konnte nicht nur sein schönes, glänzendes Fell sehen.

 

 "Aha, du bist also eine Dame, sieh an. Na, komm doch her, lass dich mal genauer betrachten."

Komm, das schien das Signal zu sein. Die Hündin legte ihren Kopf auf seine Knie und ließ sich kraulen. Dabei blickte sie ihm beständig ins Gesicht. Ihre Augen waren gelbgrau mit braunen Inseln und einem dunkleren Rand.

"Was du für schöne Augen hast und so ein seidenweiches Fell. Dich bürstet sicher jeden Tag jemand."

Die Hündin wedelte freudig mit dem Schwanz. Plötzlich fühlte er im dichten Fell ein Halsband und ein Schildchen. Er hielt das Fell ein wenig zur Seite und entzifferte den Namen "Bello“. "Na, dir haben sie ja einen Männernamen verpasst. Ich nenne dich Belloino. Ino heißt Frau im Esperanto. Also, mach’s gut, Belloino, ich muss jetzt nach Hause."

 

Mit einem Freudenlaut sprang die Hündin auf und lief ihm ein Stück voran. Er konnte machen, was er wollte, sie kam mit. Doch ins Auto ließ er sie nicht, obwohl es ihn ein bisschen schmerzte. Sie war ein so schönes Tier, und nun stand sie da draußen und bellte aufgeregt und fordernd. Knut fuhr trotzdem und sah sich nicht um.

 

Zu Hause angekommen parkte er wie üblich vor dem Haus und ging traurig in seine leere Bude. Inzwischen war's finster und Zeit zum Abendbrot, aber er machte kein Licht, kein Essen. Müde ließ er sich in einen Sessel fallen.

 

Er musste kurz eingenickt sein, denn als er aufwachte, meinte er, einen Hund gehört zu haben. Aber im Hause besaß niemand einen Hund. Wie noch im Traum ging er zum Fester und schob die Gardine zur Seite. Tatsächlich. Unten saß im Licht der Straßenlampe Belloino. Es schien, als hätte sie nur auf die Bewegung an seinem Fenster gewartet. Sie stand auf und sagte kurz: "Wau!"

 

Schnell ließ er die Gardine wieder fallen. Wie konnte sie hier hergefunden haben? Sollte er sie denn in der Kälte und dem Wind draußen lassen? So ein schönes, gepflegtes Tier, es hatte sich bestimmt verlaufen.

 

Knut knipste das Licht im Zimmer an und sah wieder hinaus. Die Hündin stand auf und blickte herauf. Da entschloss er sich und ging hinunter. Ob jemand anderes den Hund auch gesehen hatte? Leise öffnete er die Haustür, aber Belloino stand bereits vor ihm und blickte ihn aus gelbgrauen Augen wartend an.

 

"Na dann komm", sagte er, und schon flitzte sie vor ihm die Treppen hinauf. Als er oben ankam, saß sie längst seiner harrend vor der Wohnungstür. Sie konnte gut riechen. Drinnen blieb sie abwartend stehen. Er überlegte, warum sie das wohl so gewohnt war und begutachtete dann ihre Pfoten. "In Ordnung, Madame, treten Sie näher."

Dabei wies er mit der Hand ins Zimmer.                                                                                                                         Schwanzwedelnd folgte sie der Hand, schnupperte aber nach der Küche und ließ wieder ihr kurzes "Wau!" hören.

 "Na klar, ich bin ja auch hungrig." Vergnügt öffnete Knut den Kühlschrank. Er hatte sich vorhin zwei Steaks hineingelegt. Das eine wollte er eigentlich einfrieren für später.

 

"Roh oder gebraten, Fräulein Wau?" fragte er Belloino und warf ihr ein Häppchen hin, das sie gierig verschlang.

"Na ja, von der Erde sollst du ja nun auch nicht gerade essen. Das tut nicht mal eine Hundedame." Und während sein Steak in der Pfanne briet, schnitt er das zweite in Happen und stellte es ihr auf einem Teller hin. Komischerweise nahm sie es aber jetzt nicht an.

"Wer nicht will, der hat." Knut setzte sich mit seinem Fleisch an den Tisch, die Hündin ließ sich auf den Stuhl daneben nieder und blickte ihn an.

"Willst du etwa am Tisch essen?"

"Wau!" kam die Antwort.

Obwohl er Zweifel hatte, holte er ein Platzdeckchen und setzte den Teller an ihren Platz.

Wartend schaute sie auf seine Hände.

"Also füttern werde ich dich nicht, mein Fräulein." Knut begann fröhlich zu essen, da machte sich auch die Hündin über ihr Fleisch her und hatte es im Nu verschlungen. Ein Stück, das über den Tellerrand auf das Deckchen gefallen war, leckte sie sorgfältig auf.

"Aha", sagte Knut anerkennend mit noch vollem Mund. Sie wedelte mit dem Schwanz.

 

Nach dem Essen kramte er einen alten Sesselschoner aus dem Schrank und legte ihn vor seinen Sessel im Wohnzimmer.

"Platz!"

Gehorsam setzte sich die Hündin, und er freute sich über ihre Wohlerzogenheit. Fordernd schob sie ihre Schnauze auf sein Knie und ließ sich kraulen, während sie gemeinsam fernsahen.                                                                                                                                               

 

Vor dem Schlafengehen trug er ihr die Decke in den Flur und stellte eine Schüssel Wasser in die Küche. Sie folgte ihm auf Schritt und Tritt. Als er ins Bett wollte, wies er sie hinaus

in den Flur, und sie gehorchte.

 

In der Nacht aber träumte er von einem schönen Mädchen mit asiatisch geformten, gelbgrauen Augen und dunklem Rand drum herum, die ihn liebevoll und zärtlich anschaute. Ja, einmal wähnte er sogar, das Mädchen läge warm neben ihm. Es erinnerte ihn an die Zeit, wo er noch hin und wieder eine Bekannte hatte. Im schönsten Augenblick wachte er auf und fühlte, wie ein kleiner Schwall Feuchtigkeit aus ihm heraustrat. So einen spontanen Orgasmus hatte er seit der Pubertät nicht wieder gehabt. Er fühlte sich am Morgen frisch und ausgeschlafen wie selten.  

 

Das war auch gut so, denn er musste vor der Arbeit mit der Hündin Gassi gehen. Ob er sie in der Wohnung lassen konnte? Wegjagen mochte er sie nicht, denn ein so edles Tier war ihm nie zuvor begegnet. Und im Auto lassen den ganzen Tag? Er entschied sich für letzteres. Telefonisch gab er dann eine Suchannonce auf: Schwarze Schäferhündin "Bello" zugelaufen.

 

Seit langer Zeit sprach er im Büro das erste Mal ein paar persönliche Worte mit den Kollegen und fragte, ob nicht jemand wüsste, wem der Hund gehören könnte. Niemand konnte sich erinnern, von einem entlaufenen Hund erfahren zu haben. Aber jeder wollte natürlich herumhören. Frohgelaunt fuhr Knut nach Feierabend mit Belloino in den Wald.

 

Es war schöneres Wetter als am Vortag. Die Sonne schien noch ein bisschen, obwohl sie nicht wärmte. Knut warf zuerst Stöckchen, danach Steine und ließ die Hündin apportieren. Dann rannte er mit ihr um die Wette, später stritt er mit ihr um seinen Schal. Den hatte er verloren, sie brachte ihn wieder und entwickelte daraus ein Spiel.

 

Sie tobten auf einer Wiese am Abhang, wo er sich plötzlich überkugelte und rollen ließ. Zunächst bekam Belloino Angst und wollte ihn hoch zerren, aber dann gefiel es auch ihr und sie versuchte, sich ebenfalls zu rollen. Es war herrlich. Eine Welle von Glückshormonen eroberte nacheinander alle seine Körperzellen, und jede einzelne jubelte: "Ich lebe! Ich lebe!"

 

Mit Laub am Mantel und Kiefernnadeln in den Haaren kehrten sie gemeinsam zum Auto zurück. Es blieb gerade noch Zeit, etwas zu essen und eine Bürste für ihr Fell zu kaufen. So unterhaltsam und fröhlich hatte er sich das Leben mit einem Hund nicht vorgestellt. Es machte ihm gar nichts aus, dass die Leute ihn wegen der paar Blättchen an der Kleidung anschauten. Er lächelte sie nur freundlich an.

 

Zu Hause bürstete er Belloino sorgfältig die Bucheckernschalen und Zweigstückchen aus dem Fell. Sie ließ sich das geduldig gefallen. Ja, einmal leckte sie sogar der Länge nach über sein ganzes Gesicht. Entsetzt sprang er auf, rief: "Pfui, pfui!" und stürzte ins Bad, um sich zu waschen. Das ging dann doch zu weit.

 

In der Nacht träumte er wieder von dem lieblichen Mädchen, das so anschmiegsam, zärtlich und heiter war. Er schwamm mit ihr in einem von hohen Bergen umgebenen See und fühlte sich sorglos glücklich. Der Himmel strahlte im reinsten Blau. Dann lag er und ließ sich von der Sonne wärmen, als das Mädchen sich pitschnass und kühl auf ihn stürzte und ihn küssen wollte. Er wehrte sie ab und jagte doch hinter ihr her, konnte den Kuss

aber nicht bekommen. Immer lief sie weit vor ihm. Darüber wachte er auf. Während des Frühstücks überlegte er, was der Traum bedeuten könnte. Ihm fiel aber nichts ein.

 

Auf seine Annonce meldete sich niemand. Auch das Herumforschen der Kollegen und Nachbarn ergab keinen Hinweis. Also tobte er auch an diesem Tag wieder unbeschwert wie ein Kind mit dem Hund im Wald herum. In der dritten Nacht wiederholte sich das nasskalte Küssenwollen. Auch hier stieß er sie weg, um ihr dann doch nach zulaufen und sie nicht mehr zu erreichen.

 

Als er am Morgen aufwachte, es war inzwischen der 15. November, saß Belloino wartend vor seinem Bett. Ihm fiel ihre Unruhe auf, mit der sie zwischen Bett und Wohnungstür hin und her lief. Darum warf er sich rasch ein paar Kleidungsstücke über und ließ sie Gassi gehen. Es war kalt und ungemütlich so früh morgens. Da er keine Hundeleine hatte, ließ er sie immer laufen. Nach ein paar Minuten kam sie zurück, aber diesmal nicht. Ihm wurde kühl. Er ging frühstücken und sich fertigmachen. So unruhig wie in der Frühe Belloino lief er dabei zwischen Küche und Fenster hin und her. Doch auch, als er losfahren musste, war sie nicht zurück. Er fuhr allein.

 

Den ganzen Tag musste er an die Hündin denken, ob ihr auch nichts zugestoßen sei. Doch als sie auch am nächsten und übernächsten Tag nicht wiederkam, packte er die Decke in einen Plastikbeutel und reinigte die Wohnung gründlich. Die feinen, seidigen schwarzen Hundehaare fanden sich überall. Es hatte ihm leid getan um sie und um seine Träume, die nun nicht mehr wiederkehrten. Einige Male hatte er erwogen, sich einen eigenen Hund anzuschaffen. Aber die Haare störten ihn nun doch sehr.

 

Als er an Bernd Olgers Haus vorbeikam, es war am 18. November, sah er plötzlich in dessen Auto Belloino sitzen. Sie steckte die Schnauze ein bisschen durch den Fensterspalt und schnüffelte. Knut blieb wie angewurzelt stehen.

 

"Hallo, wie kommst du denn hierher, Fräulein Wau?" sagte er verwundert.

"Wau", antwortete sie nur müde und machte es sich auf Bernds Rücksitz bequem. Auch an die Scheibe klopfen und zureden halfen nicht. Er interessierte sie nicht mehr.

In der Kneipe fand er Bernd, der gerade von fernen Ländern schwärmte.

 

"Bist du auf den Hund gekommen?" fragte er ihn.

"Zugelaufen", murmelte der nichtssagend.

"Ein sehr schönes Tier", bohrte Knut weiter.

"Hm!"

Es waren keine Auskünfte von ihm zu bekommen. Weil Knut dann heimgehen wollte, versuchte er es noch einmal.

"Falls sich niemand meldet und du sie nicht behalten willst, denk an mich, ich würde sie gern nehmen."

"Wen?" Bernd war baß erstaunt.

"Na, die Hündin."

"Ach so", Bernd lachte schallend, und Knut verließ  konsterniert die Theke.

 

Als sie sich das nächste Mal trafen, fragte Knut trotzdem nach dem Hund.

"Ach, verschwunden", lachte Bernd, "aber warum interessiert dich das so sehr?"

"Sie war einige Tage bei mir, weißt du. Ein so edles, wohlerzogenes Tier gibt es selten. Ich hätte sie gerne behalten, aber nach drei Tagen ist sie weggelaufen."

"Mach dir nichts daraus. Futsch ist futsch. Aber willst du nicht einen Kaffee mit mir trinken kommen? Ich habe eine neue Freundin, die kann ich nicht so lange warten lassen. Komm nur." Bernd klopfte ihm tröstend auf die Schulter. Er gab nach.

Hinter Bernd betrat er dessen Wohnung und stand plötzlich dem Mädchen aus seinen Träumen gegenüber: die zierliche Gestalt, die etwas schräggestellten, gelbgrauen Augen, das lange, seidig schimmernde schwarze Haar. Er wurde blass und war kaum in der Lage, die dargebotene Hand zu nehmen. Hatte sie nicht auch einen winzigen Moment gezaudert?

"Wau", sagte sie, "mein Name ist Wau."

 

Er zuckte zusammen, aber Bernd merkte es nicht.

"Er ist ein alter Schulkamerad," und "du kannst ruhig Ino zu ihr sagen", gab er weiter von sich.

 

Knut wurde ganz schwindelig: "Belloino", murmelte er.

"Nee, nur einfach Ino, Ino Wau. Das heißt auf Esperanto Frau oder weiblich. Ich kannte das auch nicht. Ihr Vater war mal Esperantoschriftsteller, deshalb. Aber setz dich, du siehst

ja ganz käsig aus im Gesicht."

"Ein Glas Wasser?" fragte das Mädchen mitleidig.

"Nein danke, aber einen Kaffee... Bernd meinte ..."

"Ja, selbstverständlich. Ich habe ihm Kaffee versprochen, mein Schatz, kochst du bitte welchen?"

 

Bernd setzte sich neben ihn.

"Das haut dich um, Kumpel, die ist super, nicht wahr?"

"Hm." Heute blieb Knut einsilbig.

"Und die herrlichen schwarzen Haare", schwärmte Bernd weiter, "sie kann kochen und ist doch eigentlich Tänzerin. Erstaunlich, dass sich ein Mädchen dieser Klasse zu so einem armen Hund verirrt. Ich beginne neu zu leben."

 

Bernd schwärmte dem einsilbigen Knut noch eine Weile etwas vor, auch später in der Kneipe, wohin sie anschließend beide gingen. Und Knut begann sich zu betrinken. Bernd merkte es erst gar nicht, er hatte so viel zu erzählen, aber dann musste er ihn abschleppen.

Draußen spürte er, dass er ebenfalls ganz schön einen sitzen hatte.

Zum Glück wohnten sie beide nicht weit. Bernd hielt Knut untergehakt und erzählte, erzählte. Plötzlich hörte Knut genauer hin.

"Es ist immer noch besser, eine nasse Hundeschnauze zu küssen, als einen Frosch. Oder was meinst du, warum die Prinzessin im Märchen den Froschkönig nur an die Wand geklatscht hat? He?"

Knut war stehen geblieben und schaute Bernd verdutzt an.

"Du hast sie geküsst?"

"Klar, man küsst doch immer, wenn man kann." Bernd zog ihn weiter.

 

"Auf die nasse Hundeschnauze?" Knut guckte verstört.

Jetzt blieb Bernd stehen, schlug sich vor den Kopf und war mit einem Schlag nüchtern.

"Was quatschst du da? Lass das keinen hören, du bist ja besoffen."

Er drehte sich um und ließ Knut allein.

 

"Hast du?" brüllte der ihm hinterher.

"Du hast, jawohl, du hast ...! - Psssst, die Nachbarn." Den Finger vor dem Mund versuchte er seine Haustür aufzuschließen, benötigte dann jedoch beide Hände dafür.

 

"Er hat die Hundeschnauze geküsst, jawohl, das hat er", brabbelte er noch im Treppenhaus. "Nun bleibt das Mädchen dafür bei ihm."

Knut schloss seine Wohnungstür auf.

"Bei mir bleibt nicht mal ein Hund." Bleischwer sank er auf sein Bett.

"Ich hätte es tun sollen, ich", murmelte er noch vor dem Einschlafen, "dann wäre sie bei mir ein Mensch geworden."

 

Im Dezember las Knut dann das Aufgebot am Rathaus. Daraus ging hervor, dass auch Ino eine Geschiedene war. Ino Wau geschiedene Kolb, stand da. Dabei hatte er ihr doch den Namen gegeben, als sie noch eine Hündin namens Bello war. Aber wem, bitteschön, sollte er das wohl erzählen?